Donnerstag, 3. Mai 2012

Schattenschwingen-Nachwehen


Grün wie die Hoffnung

Nun ist er also in der Welt, der Abschlussband der „Schattenschwingen“-Trilogie. Ein finales Finale. Finaler geht es nicht, richtig? 
Als ich im letzten Herbst in Richtung „die letzten hundert Seiten“ durchgestartet habe, gingen mir oft Gedanken durch den Kopf wie „Nur noch ein paar Buchstaben, dann bist du raus aus der Geschichte. Das war es dann mit der Sphäre, St. Martin und all den Figuren, die dir drei dicke Bücher lang ans Herz gewachsen sind. Es wird Schluss sein mit deinen ganz persönlichen Engeln. Aber so ist das, ordentliche Geschichten verlangen nach einem ordentlichen Ende. Und für die Schwingen ist es jetzt soweit. Also reiß dich zusammen und tu es.“
Ich habe mich zusammengerissen, aber nicht gern. Ehrlich gesagt, mit viel Gejammer und Geheule. Ein wenig erleichtert hat es mir die Geschichte selbst, weil sie ein solches Tempo an den Tag legte, dass ich kaum Gelegenheit hatte, Taschentücher vollzuschluchzen. Und plötzlich lag „Zeit der Geheimnisse“ schon im Lekorat, die Fahnen wehten herein ... und dann war das Buch auch schon da.
Der Vergleich ist alt und oft genutzt, aber er stimmt einfach: Bücher kriegen und Kinder schreiben - das ist sich beides sehr ähnlich. Zu Anfang ist einem schwummerig vor Aufregung, dann kommt eine entspannte Phase, die gern immer so weiter gehen könnte („Hey, ich und das Baby/Buch sind echt ein lässig eingespieltes Team. Ist ja toll, so kann das bleiben“) - was sie natürlich nicht tut. Wenn der Gipfel langsam ist Sicht gerät, wird es nämlich ungemütlich bis arg anstrengend („Die Schwerkraft hasst mich und meinen Bauch!“ respektiv „Wann haben sich bloß diese ganzen Figuren eingeschlichen, die nun plötzlich superwichtig sind? Die passen unmöglich durch das Finale!“). Man wünscht sich, endlich den Rückwärtsgang zu finden, den es natürlich nicht gibt. Ha, sonst hätte man den bereits vor den Abi-Prüfungen ausgiebig bedient, um die vier Wochen Bummelanz durch intensive Lernerei auszutauschen. Außerdem ist da noch die überfallartig auftretende Frage, was man sich eigentlich bei dem Unsinn gedacht hat. Bücher in die Welt setzen, dass sollen doch bitteschön die anderen machen! Ich war eindeutig nicht klar bei Verstand, als ich mich dazu entschlossen habe, die Sache hier durchzuziehen ... Ich will zu meiner Mama! Irgendwann übernimmt dann der Lauf der Dinge, es flutsch quasi von allein, und nach all den Mühen, Zweifeln und Schokokeksen hält man endlich sein Buch in den Armen und weiß, es war die ganze Mühe wert.
Ab diesem Moment sind Babys klar im Vorteil, denn sie halten die Mama dermaßen ordentlich auf Trapp, dass sie gar nicht erst auf dumme Ideen kommt. Bücher sind da anders. Vor allem Trilogien. Und ganz besonders die „Schattenschwingen.“
Seit meine Kiste mit „Zeit der Geheimnisse“-Belegen eingetroffen ist, arbeitet es in mir.
Das soll wirklich schon alles gewesen sein?, flüstert mir eine verzerrte Stimme zu.
Als ob ich auf den Trick mit dem Stimmverzerrer reinfalle: es ist meine Muse. Für gewöhnlich freue mich, wenn sie mir etwas zu erzählen hat, in diesem Fall jedoch nicht, also steckte ich die Zeigefinger in meine Ohren und singe „Erzähl es jemand anderen, jemanden mit viiiiel Zeit, tralalala.“ Leider ist diese Technik Mumpitz, wenn die Stimme im eigenen Kopf erklingt. 


Nun tu mal nicht so, du willst es doch auch.
Klar will ich es auch, aber wir alle wissen, wie eine solche Nummer endet: mit Heißhunger, Schwerkraftproblemen und Aua ... Halt, das war beim echten Baby. 
„Trallalala.“
Alles was ich will, ist einen Vorschlag zu machen, wie die „Schattenschwingen“ fortgesetzt werden könnten. Betonung auf „könnten“, niemand zwingt dich dazu, Schreiberling. Es ist nur ... Schließlich wird es ab dem dritten Band erst so richtig spannend  (ACHTUNG: SPOILERGEFAHR! Wer den dritten Band noch nicht kennt, sofort mit dem Lesen aufhören und Tralala singen). Meine Idee für eine Fortsetzung basiert auf der schwarz-weißen Traumwelt, die etwas über den Ursprung der Schattenschwingen andeutet: Weiß kämpft gegen Schwarz. Wenn sich Sphäre und Menschenwelt nun einander annähern, so wie Mila & Sam es tun, dann – jetzt kommt der Knüller – kommt es zu einem Ungleichgewicht und eine bislang unbekannte Welt tritt auf den Plan. Eine richtig finstere und böse Welt.
Ich lasse die Zeigefinger sinken. „Eine böse Welt?“
Eine bedeutungsvolle Pause. Die Muse weiß ganz genau, dass sie mich am Wickel hat. Und dann holt sie zum Endschlag aus. Wolltest du nicht schon immer mal über deine ganz privaten Teufel schreiben?
Bescheunigter Herzschlag, feuchte Hände. „Ja, ja, ja! Nur wann?“
Genau in diesem Moment verabschiedet sich die Muse, mit Zeitplänen will sie nichts zu schaffen haben, die haben dieselbe Wirkung auf sie wie das Weihwasser auf den Teufel. Aber ich sitze allein mit beidem da: einer Idee und einem proppevollen Zeitplan, in dem definitiv keine vierten Bände in den nächsten Jahren vorgesehen sind. Sogar wenn ich das Schlafen ab sofort einstelle, wird es nichts vor 2015 werden. Schrecklich, aber wahr.

Eine gute Sache hat es, wenn man mit einer Idee schwanger geht: im Gegensatz zu „echten“ Schwangerschaften kann man sich einen Schnaps gönnen. Denn brauchte ich nach dieser Unterredung dringend.

Die 2 dahinten, das sind doch ...


Mittwoch, 28. März 2012

Die Macht macht's


17
Das ist nicht gut.
Ich zähle im Kopf noch einmal durch und komme zum gleichen Ergebnis: 17 mögliche Finale fürs aktuell zu schreibende Jugendbuch. Das kommt davon, wenn man zu viele Spaziergänge macht, um sich ein anständiges Finale auszudenken.
Nun klingen 17 mögliche Finale superkreativ und gaaaanz toll – sind sie aber nicht, denn keins von ihnen überzeugt. Sie sind nett, diese 17 kleinen Möchtegerns, aber leider knallt keins richtig. Und so mag ich das nun einmal am liebsten bei einem anständigen Fantasyspektakel: buff-krach-peng.
Also sitze ich ein wenig verlegen vorm Laptop und überlege, ob Nr. 18 vielleicht der revolutionäre Durchbruch sein könnte. Noch einmal durch die Felder streifen? Die Sonne scheint gerade so schön ...
Ich reiße mich zusammen, bleibe sitzen und zwinge mich dazu, mich einer Tatsache zu stellen: beim Schreiben bin ich kein Planner. Das war schon immer so, Zeit es zu akzeptieren, obwohl ich nach über zehn Romanen schon finde, dass die Schreiberei langsam mal etwas absehbarer werden könnte. Es muss doch möglich sein, schreibtechnisch in den ruhigen Gewässern unterwegs zu sein, indem man eine komplette Roman-Vorstrukturierung leistet. Außerdem wäre es auch ein Vorteil, seine Lektorin mal mit einem schicken Exposee zu beglücken, anstatt ihre wirr zusammengewürfelte Brocken am Telefon zu präsentieren:
„Okay, dass klingt jetzt nicht überzeugend, aber weißt du, dass muss man lesen, dann funktioniert es.“
Wenig überzeugtes Schweigen am anderen Ende der Leitung.
Verzweifelte Autorin, hinter deren Stirn eine Kollage aus buntem Allerlei herrscht, aus denen definitiv ein Roman entstehen wird, greift zum letzten Mittel. „Es gibt Blitze und blaue Linien ... ach ja, und Salz spielt auch eine Rolle. Einfach mal vorstellen.“
Ein Seufzen.
Autorin würde mittlerweile gern mitseufzen. „Machen wir es wie das letzte Mal: Vertrau mir einfach.“
„Ein toller Vorschlag!“
Es scheint mein Schicksal zu sein, mich jedes Mal mit einem flauen Gefühl im Magen ans Schreiben zu machen, heimgesucht von der Frage: wird sich der Zauber erneut einstellen, bei dem sich Zeile um Zeile wie von selbst schreibt? So ist es natürlich nicht ständig, aber die entscheidenden Szenen, die den Fortgang der Geschichte festlegen, entstehen überwiegend auf diese Weise. Deshalb macht es wenig Sinn für mich, ein Finale spinnen zu wollen, wenn ich lediglich die erste Hälfte des Romans zu Papier gebracht habe. Denn plötzlich schreibt sich ein Abschnitt, der alle schönen Pläne wieder zunichte macht, und dann habe ich den Salat. Kenne ich ja schon. So wurde aus dem Oberschurken beim „Traumsplitter“ mit einem Mal ein schillerndes Wesen, das keineswegs klassisch böse ist, während eine weibliche Nebenrolle unerwartete Fiese-Möp-Qualitäten an den Tag legte. Und, ja: das Ergebnis war deutlich besser, als das ursprünglich am meinem mentalen Reißbrett geplante.
Ich verabschiede mich also von meinen 17 angedachten Finalen, greife wieder auf die Jedi-Technik zurück und flüstere beim Öffnen des Schreibprogramms „Möge die Macht mit mir sein“. Wenn Luke Skywalker mit verbundenen Augen Treffer mit seinem Lichtschwert erzielt, bekomme ich das auch hin! Hoffentlich ...

Freitag, 3. Februar 2012

Nach "Eine Spur von Rot", Teil 2

Hallo Ihr Lieben, 

heute geht es mit Finjas & Michal weiter (Prolog und Teil 1 sind unter den älteren Blog-Beiträgen zu finden, der Anfang der Geschichte steht in der Anthologie "Stille Nacht") - die Eiseskälte und der Schnee sind einfach inspirierend. Ich wünsche Euch viel Spaß und warme Füße.



Das rote Band

Sie ist fort, war der erste Gedanke, der zu Finjas im Erwachen durchdrang, noch bevor seine Sinne ihm zuspielten, dass Michal tatsächlich nicht mehr in der Höhle war.

Durch den Schrecken kehrte das Leben viel zu schnell in seinen Körper zurück, brannte sich glühend durch seine Adern, entzündete sich in seinen Gliedern und rauschte in seinen Schläfen. Es war allerdings nicht nur das Wissen, dass Michal nicht bei ihm war, wie sie es versprochen hatte, weshalb er auf eine Art erwachte, die ihn fast zerriss. Sondern es war auch ihr Blut: Mit ungebrochen berauschender Kraft toste es in ihm und verlieh ihm das Wissen, mehr als ein Schatten in der Nacht zu sein.
Während sich die Welt um Finjas herum drehte, richtete er sich auf und verdrängte sowohl das überwältigende Erlebnis als auch den Schmerz, den es mit sich brachte. Schließlich war dies ein Leichtes im Vergleich zu der aufsteigenden Panik. Wohin war Michal gegangen? Würde sie zurückkehren?, brach sie hervor und ließ sich nur mühsam von ihm unterdrücken.
 Was er jetzt brauchte, war ein kühler Kopf.
Ohne Rücksicht auf seine Gefühle, versuchte er sich an sein Gespräch mit Michael zu erinnern. Bruchstück für Bruchstück setzte er es zusammen, denn je mehr das Leben mit Anbruch des Tages aus ihm gewichen war, desto schwieriger fiel die Erinnerung. Ihre Worte versanken in Nebel, aber auch seine eigenen konnte er lediglich erraten.
Am Ende der Nacht war Michal erschöpft und ausgehungert gewesen, die Kälte hatte ihr zugesetzt und die frische Wunde an ihrem Hals zum Schmerzen gebracht. Natürlich hatte sie nichts gesagt, aber ihr Blut hatte es ihm verraten, wie ein Phantomschmerz hatte er das dumpfe Pochen gefühlt. Die Höhle, der verschneite Wald ... das waren nicht die richtigen Orte für ein Menschenmädchen, hatte er begriffen, während seine Gedanken immer träger geworden waren. Er hatte sie gedrängt, dorthin zu gehen, wo es Wärme und Nahrung für sie gab, obwohl sie diese Notwendigkeit bis zum Schluss abgestritten hatte.
Nun war sie nicht mehr da. Lediglich ihr Geruch war geblieben und eine feine Spur, die sich nur vampirischen Sinnen offenbarte. Schließlich war er ein Jäger, auch wenn er diesen Zug an sich verabscheute.
Mittlerweile hatte Finjas seinen Körper soweit unter Kontrolle, dass er durch den niedrigen Eingang der Höhle schlüpfte, ohne sofort in einen wilden Lauf auszubrechen, der die pulsierende Kraft in seinen Beinen befriedigt hätte. Die Nacht war gerade erst angebrochen und würde noch lange andauern, während die Tage auf dem Höhepunkt des Winters nicht mehr als ein kurzes Aufflammen in der Dunkelheit waren.
Finjas legte den Kopf in den Nacken und ließ die vielfältigen Eindrücke des Waldes auf sich einwirken. Vor seinem geistigen Auge zeichnete sich Michals Spur wie ein rotes Seidenband ab.
Es wäre so leicht, die Spur aufzunehmen, ihr zu folgen ...
Etwas hielt ihn jedoch davon ab.
Eine andere Spur.
Kein rotes Band, das zwischen ihnen durch das Geschenk geknüpft worden war, das Michal ihm gemacht hatte, sondern lediglich ein Geruch. Es war der Duft von jenem Elixier, von dem er vor kurzem zum ersten Mal gekostet hatte, jedoch mit einer anderen Note.
Einen Moment stand Finjas noch reglos da, dann begriff er: Menschen waren durch diesen Teil des Waldes gekommen, eine kleine Gruppe, wenn er sich nicht täuschte.
Mit so leichten Schritten, dass sein Füße kaum in den Schnee sanken, folgte er dem Geruch, der sich schließlich mit Michals roten Band kreuzte. Die Wege dieser Menschen und Michals waren zweifelsohne aufeinandergestoßen und sie hatten ihre Wanderung durch den Wald gemeinsam in die Richtung fortgesetzt, in die Michal ursprünglich gewollt hatte.
Das Fest, von dem sie ihm erzählt hatte. Die Heilige Nacht.
Ein Fest der Menschen, die verborgen in diesen nicht enden wollenden Wäldern lebten.
Dorthin war sie gegangen und mit dem Einbruch der Dunkelheit nicht wieder zu ihm zurückgekehrt. Die Fährte war kalt.
Zuerst wollte Finjas dem Verlangen nachgeben, ihr zu folgen, getrieben von dem übermächtigen Wunsch, bei ihr zu sein, ihren warmen Pulsschlag zu fühlen, ihre Stimme zu hören, einfach in ihrer Nähe zu sein. Dann beschloss er, die vergangene Nacht noch einmal in Gedanken durchzugehen, bevor er in diese Menschenbastion vordrang, die zweifelsohne gut bewacht sein würde. Finjas fürchtete die Wächter nicht, mit denen er bereits Bekanntschaft gemacht hatte, nur durfte er den Menschen, denen Michal sich zugehörig fühlte, nicht ohne guten Grund Leid zufügen. Seine Sehnsucht nach ihr würde als Rechtfertigung dafür wohl kaum ausreichen.
Während mit der stetig tiefer werdenden Nacht auch die Kälte zunahm, bis selbst Finjas sie spürte, drängte sich ihm die Frage auf, ob es nicht vielleicht das Beste für Michal war, wenn sie bei den Menschen blieb. Die Dinge hatten sich überschlagen, hatten ihnen keine Gelegenheit gelassen, auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, was mit ihnen und zwischen ihnen geschah. Die alles entscheidende Frage war: was konnte er ihr bieten außer einer Welt, die bestenfalls eine Beute und schlimmstenfalls eine Feindin in ihr sah?
Erneut blickte er auf die Stelle, wo das rote Band und die Fährte der Menschen aufeinandertrafen. Er musste eine Entscheidung treffen, für sie – und nicht für sich selbst und seine Hoffnung, so schwer es ihm auch fiel.


Fortsetzung folgt, sobald die Frau Autorin Zeit und Muse hat ;-)

Montag, 9. Januar 2012

Schöner Salat


Nun bin ich ja nicht nur Geschichten-Aufschreiberin, sondern gelegentlich auch literarische Agentin und im Fall der Winter-Anthologie „Stille Nacht“ und ihrem Folgeband auch Herausgeberin. Ich lese also einiges, bevor es das Licht der Buchhandlungen entdeckt. Dabei stolpere ich immer wieder über ein Thema, das eher unwichtig, aber deshalb keineswegs reizlos ist. In meinem Fall sogar sehr reizvoll: in bestimmten Situationen kann ich mir den Mund darüber fusselig reden und dabei ganz viel mit dem Zeigefinger in der Luft herumwedeln. Bevorzugt während eines Telefonats, da sieht das wenigstens keiner.
Worum es geht?
Äh, tja ... um die optische Ausgestaltung eines männlichen Protagonisten. Puh, jetzt ist es raus. Bestimmt werden nun einige Augenbrauen hochgezogen („Seltsam, war bei meinen Ork-Gemetzeln noch nie ein Thema“), aber in einem Blog über Schreiben und Erzählen dürfen ruhig einmal abseitige Pfade beschritten werden, die zu solchen Telefonaten zwischen Autorin (genannt A1) und Agentin (genannt A2) führen:

A1: „Ich weiß auch nicht, warum mein Held schon wieder großartig aussieht. Ist für die Story eher unwichtig, schließlich steht die emotionale Zueinanderhinentwicklung der beiden Liebenden im Vordergrund.“
A2: „Also könnte man „umwerfend aussehend“ streichen und ihm stattdessen einen mopsigen Bauch andichten.“
A1: Zögern am anderen Ende der Leitung. „Könnte man ... möglicherweise. Sicher doch. Vielleicht beim nächsten Roman.“
A2: „Hand aufs Herz: findest du nur Männer attraktiv, die klassisch schön sind?“
A1: „Natürlich nicht! So ein Beuteschema ist doch vollkommen affig, in der Realität zählt das Gesamtpaket, ist doch ganz klar. Da wollen alle Sinne angesprochen werden, und nebenbei auch der Verstand. Echte Attraktivität ist eine komplexe Kiste.“
A2: „Könnte man bestimmt super drüber schreiben. Oder es sogar als Herausforderung ansehen: erst mal andeuten, dass der Held gewöhnlich aussieht, und dann durch die Magie des Erzählens die Leserschaft in seinen Bann ziehen.“
A1: „Klingt wunderbar, probier das mal selbst bei deinem neusten Roman aus und sag mir dann, ob es klappt.“
A2 (jetzt auch zur Hälfte A1): „Wieso denn ich? Du hast doch mal wieder diesen Schönling als Helden.“
A1: „Nun tu mal nicht so, Madame. Wie sieht denn dein aktueller Held aus?“ Klopft siegessicher mit den Fingernägel gegen einen hölzernen Gegenstand. Ein Tisch möglicherweise.
A2: Wirft sich in die Brust. „Aber es geht hierbei keineswegs um meinen Roman, sondern um deinen.“
A1: „Versuch ja nicht, dich aus der Affäre zu ziehen. Raus mit der Sprache, was ist das für ein Kerl?“
A1.2: Druckst noch herum, sagt dann leise „Ein heißer.“
A1: „Ha, habe ich es doch gewusst! Ruhig mal an die eigene Nase fassen, bevor du mir einen Helden mit mopsigen Bauch reinschreiben willst. Das mache ich nur, wenn deiner eine Halbglatze bekommt.“
A1.2: Leises Wimmern. „Aber der ist erst Anfang zwanzig.“
A1: „Auch noch jung. Das wird ja immer besser.
A2: Murmelt: „Schöne Kerle sind ein Fluch.“

Ja, schöne Kerle in Romanen sind ein Fluch, besonders für Autorinnen, die mehr im Sinn haben als „Leidenschaft“. Diesen Herren haftet nämlich stets das Vorurteil an, zwar so knackig wie Salat, aber eben auch so fad zu sein. Selbst in sozialkritischen, poetischen oder sonst wie anspruchsvollen Texten schleichen sich Passagen ein, in denen beschrieben wird, wie sich das Sonnenlichte auf seinem silbrig glänzenden Blondhaar bricht (die berühmt-berüchtigte Mischung aus tragischem Helden mit Bombenaussehen ist besonders beliebt).
Übrigens erwischt einen dieser Fluch sogar, wenn man bewusst auf Model-Erscheinung verzichtet und stattdessen schreibt „er war normal groß, hatte mittleres Haar und Augen hatte er auch“. Wenn Leserinnen dann die Figur beschreiben, sieht sie garantiert klasse aus, das passiert von ganz allein und ohne Hokuspokus.
Eine Kehrseite des Schönheits-Beschreibungs-und-Wahrnehmungs-Diktats liegt übrigens darin, wenn es plötzlich heißt „Grüne Funkelaugen kann ich nicht ausstehen, das sieht fies aus. Da stelle ich mir lieber Haselnussaugen vor“. Dann merkt man, dass es mit den Äußerlichkeiten seiner Helden wie mit guten Hollywood-Schauspielern ist: je leerer die Oberfläche, desto mehr kann hineininterpretiert werden. Wenn in meinem nächsten Roman lediglich steht „alles an ihm sah einfach richtig aus“, dann wissen Sie, werter Blog-Überflieger, warum. Es werden Wetten angenommen, dass dies der schönste Held aller Zeiten wird.

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Nach "Eine Spur von Rot", Teil 1

Weihnachten steht unmittelbar vor der Tür und da mich die Geschichte von Michal & dem Vampir Finjas aus der „Stille Nacht“-Anthologie immer noch nicht loslässt, gibt es als kleine Bescherung jetzt eine Fortsetzung der Kurzgeschichte, während es in meinem Blog-Eintrag vom 6.11.2011 die Vorgeschichte gibt. Wer „Eine Spur von Rot“ noch nicht gelesen hat, sollte übrigens lieber warten, bis er sie kennt, ansonsten verdirbt er sich die Spannung!

Ich wünsche Euch viel Vergnügen beim Lesen & eine wunderbare Weihnachtszeit,
Eure Tanja


Die Spur im Schnee


Michal streichelte behutsam durch Finjas feines Haar. In ihrem Unterschlupf unter einer Anhöhe war es stockdunkel. Während ihre Finger die Wellen erspürten, die es warf, stand ihr die Farbe seines Haars trotzdem lebhaft vor Augen: ein warmes Karamell, das im Licht des Ofens geschimmert hatte. Es hatte ganz lebendig ausgesehen, genau wie die Röte, die sich auf seinen Wangen abgezeichnete, als sie sich angekleidete. Wie lang war das her? Nicht mehr als in paar Stunden und doch war es in einem anderen Leben gewesen. Und jetzt fühlte er sich auch warm an, strahlte förmlich vor Hitze, sodass auch sie in dieser langen Winternacht nicht fror, solange sie an ihn geschmiegt blieb.
Ich wünschte, ich könnte Großmutter davon erzählen, dass sie weder leblos noch kalt sind, dachte Michal. Aber vermutlich würde sie mir nicht einmal dann glauben, wenn sie Finjas auf die gleiche Art erlebte wie ich. Die alten Geschichten, die wir uns seit Generationen über die Vampire erzählen, sind zu stark, sie erscheinen echter als die Wirklichkeit. Vermutlich hätte Michal ihre Meinung ebenfalls nicht geändert, wenn die Geschicke der Nacht sie nicht dazu gezwungen hätten. Wer käme auf die Idee, dass man bei der Erinnerung, wie man ins Eis einbricht, ein Flattern in der Brust verspürt, weil sich der Atem vor Aufregung beschleunigt? Allerdings nicht aus Furcht vor dem schwarzen Wasser, das an einem zieht, sondern wegen der Hände, die nach einem ausgestreckt werden. Es war unfassbar viel passiert, seitdem sie ihre Wanderung durch die Schneeweiten trotz der anbrechenden Dämmerung fortgesetzt hatte. Gut möglich, dass sie deshalb so rasch auf Finjas zugegangen war, weil sie keine Zeit zum Nachdenken gehabt hatte, sondern sich voll und ganz auf ihr Gefühl verlassen musste. Und es war richtig gewesen, bekräftigte Michal ihre Entscheidung, während die mahnende Stimme ihrer Großmutter immer mehr verklang.
„Schläfst du?“, flüsterte sie.
„Ich träume eher.“ Michal ahnte das Lächeln auf seinem Gesicht, das an ihrer Schulter ruhte, nicht unweit der Stelle, an der sie die Speerspitze verletzt hatte. Die Schnittwunde pochte dumpf unter dem provisorischen Verband, den Finjas um ihren Hals gebunden hatte. „So habe ich mich noch nie zuvor gefühlt, ganz wach und doch benommen zugleich. Ich würde zu gern wissen, ob es daran liegt, dass ich von dir getrunken habe.“
Bei der Vorstellung, wie sie, noch geschockt vom Kampf, den schwer verletzten Finjas an sich gezogen hatte, verlagerte sich das Flattern von ihrer Brust in den Bauch. Dann kam ihr in den Sinn, dass ihm ihre Aufregung keineswegs entging, so nah, wie er ihr war. Aus dem Flattern wurde ein ausgewachsener Flügelschlag.
„Bestimmt liegt es daran, dass dein Körper kein Menschenblut kennt“, antwortete sie ausweichend.
Finjas schwieg einen Moment lang, wobei er mit den Fransen ihres Halstuchs spielte. Michal hätte viel dafür gegeben, einen Blick in sein Gesicht zu werfen und herauszufinden, was sich in ihm abspielte. Ihre Sinne waren nicht empfindsam genug, um seinen Herzschlag durch die dicke Winterkleidung hindurch zu erspüren.
„Nein“, setzte Finjas bedächtig an, „eigentlich glaube ich das nicht.“
„Woran liegt es deiner Meinung nach denn dann?“ Michael konnte nichts dagegen tun, dass sich ein Schwanken in ihre Stimme schlich.
Doch sie wartete vergeblich auf seine Antwort.
Ein Beben ging durch Finjas Körper und er stöhne kaum hörbar auf.
„Der Tag bricht an.“ Die Worte schienen ihm Kraft zu kosten. „Nur noch wenige Augenblicke und ich werde einschlafen. Dagegen kann ich nichts tun, ganz gleich, wie lebendig ich mich an deiner Seite fühle.“
Michal schluckte. In ihrer Welt nannte man den Zustand, in den die Vampire den Tag über verfielen, nicht Schlaf sondern Tod. Und in der Nacht lebten sie nicht, sondern raubten Leben, um zu wandeln. „Es sind nur wenige Stunden, bis die Sonne wieder untergeht. Gewiss wird sie nicht einmal richtig zu sehen sein.“
„Was wirst du während dieser Zeit tun?“
„Darauf warten, dass du wieder ... erwachst.“
„Das wäre nicht richtig.“ Finjas Stimme klang schleppend und rau, als würde der Schlaf ihn bereits übermannen. Nach einem kurzen Zögern legte Michal ihre Hand auf seine Wange und spürte merklich, wie ihn das Leben verließ. „Du brauchst Essen, du brauchst ... Wärme.“ Dann verstummte er und zog sich von ihr zurück.
Hastig griff Michal nach ihm, wollte ihn wieder an sich ziehen. Als sie seinen Körper jedoch zu fassen bekam, verstand sie, warum Finjas sie freigegeben hatte: er war erstarrt. Würde er sie in diesem Zustand umarmen, wäre es ihr unmöglich gewesen, sich seinen Armen zu entwinden. Zu gern hätte sie ihn gefragt, ob er auch träumte, aber das konnte sie ja später tun. Nichts hielt sie davon ab, schließlich hatte sie beschlossen, bei ihm zu bleiben. Ein Mensch und ein Vampir in den endlosen, von Schnee bedeckten Wäldern.
Michal schlang die Arme um sich, denn jetzt, da Finjas sie nicht länger wärmte, drang die Kälte zu ihr durch. Schon nach kurzer Dauer begannen ihre Glieder steif zu werden und der dunkle Unterschlupf verlor zunehmend an seiner Gemütlichkeit. Schließlich gab sie auf und krabbelte dem diesigen Licht entgegen, das durch die Öffnung fiel. Das spärliche Tageslicht, das einen Weg durch die dichte Wolkendecke und die Tannenspitzen gefunden hatte, begrüßte sie. Michal atmete tief ein, obwohl ihre Nase dabei zu brennen anfing, und sah dann ihrem gefrorenen Atem hinterher. Dann reckte sie sich ausgiebig, nahm etwas Schnee auf und verrieb ihn zwischen ihren klammen Händen, bis sie rot waren und kribbelten.
In den letzten Stunden war Schnee gefallen und hatte ihre Spuren verdeckt. Das war gut, so würde niemand herausfinden, was genau in der letzten Nacht passiert war und auch nicht, wohin sie gegangen waren. Erleichterung überkam Michal, aber noch eindrucksvoller war der Hunger, den sie schlagartig wahrnahm und der sie an etwas erinnerte: an die Dinge, die sie im Korb mitgebracht hatte ... sie hatte sie zurückgelassen. Es gab also nichts für sie zu essen, außerdem verriet der Korb mehr über die vergangenen Ereignisse, als ihr lieb war.
Michal fasste einen Entschluss. Sie würde an den Fluss zurückkehren und alle Spuren beseitigen. Soweit ihr das möglich war, inspizierte sie ihre Kleidung auf Blutspuren, doch durch den dunklen Stoff war nichts zu erkennen und das Tuch, das ihre Halswunde bedeckte, war ohnehin rot. Vorsichtshalber rieb sie ihr Gesicht noch mit Schnee ab, dann machte sie sich auf den Weg, sich die Umgebung des Unterschlupfs, indem Finjas lag, sorgsam einprägend. Mach dir keine Sorgen,  selbst wenn du den Weg nicht rechtzeitig zurückfindest, wird er dich finden. Du kannst ihm nicht mehr verloren gehen.
Bis zum Fluss dauerte es länger als sie gedacht hatte. Sie war erschöpft und der Hunger setzte ihr stark zu. Endlich erreichte sie das flink zwischen Eisschollen dahinfliesende Gewässer. Dort lag der Korb unter einer zentimeterdicken Schneeschicht und Michal musste sich beherrschen, erst einmal alles zu säubern, anstatt eins der Einweckgläser zu öffnen und sich seinen Inhalt in den Mund zu stecken. Als sie soweit war, stellte sie enttäuscht fest, dass das Essen gefroren. Tränen brannten in ihren Augen. Sie war elend müde, durchgefroren und hungrig, außerdem setzte der Schneefall wieder ein. Alles Klagen brachte jedoch nichts, sie musste erst einmal von hier fort. Der Gedanke, was einige Meter von ihr entfernt noch unter der Schneedecke lag, ließ sie nämlich erzittern. So schnell, wie sie ihre Füße trugen, lief sie den Weg durch das Dickicht der Baumstämme zurück, den sie gekommen war.
Mit den Gedanken war Michal längst bei Finjas, als sie die Stimmen hörte.
Menschen! Dort suchte sich eine Gruppe Menschen einen Pfad durch den Wald.
Panisch schaute Michal sich nach einem Versteck um. Man durfte sie auf keinen Fall finden. Bestimmt wollte die Gruppe zum Treffpunkt, an dem sich die weit verstreut lebenden Menschen jährlich zum Weihnachtsfest einfanden. Wo auch sie ursprünglich hingewollt hatte. Beruhigt dich, ermahnte sie sich, als die Stimmen näher kamen. Niemand weiß, dass du hier bist und der Wald bietet guten Schutz.
In diesem Moment schlug ein Hund scharf an, gefolgt von aufgeregten Rufen. Da wusste Michal, dass sie keine Chance hatte, und bliebt stehen, wo sie war. Schon kurze Zeit später brachen Männer zwischen den Bäumen hervor, den geifernden Hund am Strick haltend. Sie trugen Stöcke in den Händen und sahen sie mit aufgebrachtem Blick an, um im nächsten Moment innezuhalten.
„Es ist nur ein Mädchen“, stellte einer von ihnen geradezu enttäuscht fest.
„Wenn du zum Weihnachtsfest willst, läufst du in die falsche Richtung, Kleines“, sagte ein anderer, älterer Mann mit langem Mantel freundlich.
„Das habe ich mir schon gedacht.“ Michal bemühte sich, ihre hörbare Verzweiflung in eine glaubhafte Geschichte zu verpacken. „Ich habe mich verlaufen, ich irre schon seit Stunden umher. Überall sieht es gleich aus und wegen der dichten Wolken ist der Sonnenstand nicht einmal zu erahnen.“
„Na, wie gut, dass wir dich gefunden haben!“ Der Mann lachte, wobei er sie unauffällig von oben bis unten maß. „Dein rotes Halstuch ...“, deutete er. „Mein Sohn Silas wird heute Abend auch auf dem Fest sein, ich stelle dich ihm gerne vor.“
Michal fasst unwillkürlich an ihren Hals. Ihre Großmutter hatte ihr das Tuch in der Hoffung mitgegeben, dass es die Aufmerksamkeit eines jungen Mannes auf ihre Enkelin lenken würde. Nun verbarg es eine Wunde, die diese Menschen auf keinen Fall sehen durften.
„Komm.“ Der Mann legte einen kräftigen Arm um ihre Schultern und zog sie mit sich. „Sonst holen dich noch die Vampire, ein hübsches kleines Ding wie dich.“
Michal versteifte sich, dann gestand sie sich ein, dass es keine Möglichkeit gab, dieses Angebot auszuschlagen, und folgte dem Mann und seiner Schar. Fort von dem Unterschlupf, wo Finjas lag und nichts davon ahnte, dass sie nun doch getrennt wurden.

Ein vorläufiges Ende ...


Finnland im Schnee

Mittwoch, 7. Dezember 2011

6 Wichtel in der Ziellinie!

Nun haben Anika Beer, Mechthild Gläser, Michaela Hammesfahr, Nora Melling, Gesa Schwartz und ich den Nikolaus-Sack mit der Aufschrift "Stille Nacht" ausgepackt und folgende Wichtel-richtig-Zähler dürfen sich in den nächsten Tagen über ein Paket mit unserer Winteranthologie freuen:


Bianca Scraback
Melanie Reich
Yvonne de Buhr
Madlin Papke
Michaela Mettel
Sonja Klein


Herzlichen Glückwunsch 
& 
einen ordentlichen Leserausch! 

Montag, 28. November 2011

Alle tot. Eine Lesung mit Antonia Michaelis

Autofahren kann eine schöne Sache sein, vor allem wenn man gerade eine Trilogie zum Abschluss gebracht hat. Na ja, in diesem Fall zumindest die Rohfassung, aber das ist doch auch schon mal was. Der letzte Satz klingt noch nach, als ich den Motor starte. Daran wird sich noch eine Weile nichts ändern, denn er wird vermutlich nicht der letzte Satz bleiben. Da muss ich noch mal ran, grüble ich. Ein Ende zu schreiben, hat ja etwas Befreiendes, aber man läuft halt auch Gefahr, sich von der Geschichte befreien zu wollen. Deshalb heißt es in den nächsten Wochen: lesen, polieren, umschreiben, noch einmal lesen, sich eingestehen, dass dieser Abschnitt Schrott ist, schrauben, basteln, anpassen etc.
Jetzt ist aber erst mal Freitagabend und mein einziger Job besteht darin, den letzten Satz aus meinen Kopf zu bekommen und anständig Auto zu fahren. Draußen ist es stockfinster, ich drehe die Musik lauter und singe mit. Nur leise, wir wollen ja niemanden erschrecken. Die Lesung, zu der es geht, findet in Sarstedt statt. Über Sarstedt kann ich nicht viel sagen, weil es dort ebenfalls ordentlich dunkel und vor allem menschenleer ist. Ähnliches gilt – Gott sei dank - nicht für den Lesungsraum, der aussieht wie ein kleines leerstehendes Geschäft, das jemand mit Stoffbahnen, Kerzen und einem roten Sessel in einen Ort verwandelt hat, in dem Autoren Märchen erzählen dürfen und wollen.
Antonia Michaelis liest
Die Märchenerzählerin dieses Abends heißt Antonia Michaelis und kämpft mit der Beleuchtung, sie will während der Lesung nämlich nicht in dem vorgesehenen roten Sessel sitzen. Was das genau bedeutet, wird das werte Publikum schon einige Minuten später herausfinden. Nix mit „Wir machen es uns jetzt mal richtig hübsch kuschelig und gemütlich, ist ja schließlich eklig kalt draußen vor der Tür“. Nee, Antonia sagt was zum Cover des Romans (Mädchen außen drauf, innen drinnen weg, hinten eine Schusswaffe – was bedeutet das, mh?), sagt, dass sie von oben rechts auf der Landkarte kommt, sagt dann noch rasch ein paar andere Dinge, die ich verpasse, weil ich einen Schluck Rotwein nehme. Das halbe, autofahrerfreundliche Glas – nicht dass sich hier jemand Sorgen macht.
Dann legt sie los, wortwörtlich, mit dem „Märchenerzähler“ in der Hand, stehend, jeden Satz mit Gesten untermalend, und mit einer Stimmgewalt, die wie geschaffen ist für große Theatersäle, aber einen Raum mit gut fünfzehn Leuten regelrecht überrollt und das Brummen des Heizlüfters locker an die Wand spielt. Aus meiner Sicht ist das Ganze ein wildes Schattenspiel, die in Schwarz gekleidete Autorin mit ihrer Ausdrucksfreude und dem gleißenden Lampenlicht, das ihren Umriss entweder hart umkränzt oder mich blendend. Erwartet irgendwer derartig viel Smackes bei einer Autorenlesung? Öfter mal was Neues, denke ich mir. Denn die letzten Lesungen, die ich besucht habe, waren vom Ton her eher zurückhaltend und zuhörerverbraucherfreundlich gestaltet. Bei Antonia ist das anders, da wird nicht nur die imaginäre Zigarette weggeschnipst, sondern auch das R ganz klassisch gerollt und betont, betont, betont. Spätestens, wenn sie das Wort Blut dicht vor einem stehend ausstößt, dass man ein Echo zu hören glaubt, zuckt die erste Reihe kollektiv zusammen und spinnt fleißig Fluchtszenarien, falls die Sache außer Rand und Band gerät.
Während Antonia den Prolog vorträgt, frage ich mich, wer von uns beiden länger durchhält: sie diese enorme Intensität oder ich mit meinem halben Glas Wein. Zumindest hat sich der letzte Satz der „Schattenschwingen“ verabschiedet und das finde ich großartig.
Langsam überwinde ich meine Verblüfftheit und wundere mich ein wenig über mich selbst. Ich kenne den Roman, aus dem vorgetragen wird. Und Romane verraten stets einiges über ihre Aufschreiber. Habe ich also ernsthaft erwartet, diese Frau Michaelis würde mit überschlagenen Beinen im Sessel sitzen und uns schüchtern durch Anna & Abels Geschichte führen? So etwas passiert einem doch nur, wenn man in einer beschlagenen Seifenblase lebt. Ich entspanne mich also zunehmend und vielleicht entspannt sich die Autorin auch, jedenfalls wird es immer leichter, mich auf ihren Lesungsstil einzulassen. Bei einer Sache bin ich mir allerdings schon nach dem zweiten Kapitel sicher: nach diesem Rausch wird Katerstimmung herrschen. Und das liegt dann nicht nur am theaterreifen und sehr fordernden Vortrag, sondern auch am Text selbst, der einen mitreißt und beschäftigt, bei mir nach über einem halben Jahr noch.
Das Durchhalten wird übrigens durch eine Pause erleichtert, in der es Kakao und Pfannkuchen passend zum Roman gibt - die Veranstalterin Claudia Duval vom Koxinel weiß, wie man Zuhörerinnen glücklich macht ... okay, einen Zuhörer gab es auch. Und da sehe ich es: das Leuchten der Zuhörerschaft. Die anfängliche Verstörung ist in Begeisterung umgeschlagen und der Zucker tut sein übriges. Das ist schon eine feine Sache, denke ich, dass wir uns mitnehmen lassen, obwohl wir erst einmal zurückhaltend reagieren, wenn unsere Erwartungen nicht erfüllt werden. Und davon kreisen ja zur Zeit viele um Romane herum, viele Leser haben ja schon einige wegkonsumiert und Lesungen besucht, sodass ihnen ihre Erwartung zuflüstert „Ich weiß ganz genau, was wir beide mögen, wir wollen uns wohl und gut aufgehoben fühlen und bitte nicht aufgefordert werden, uns auf etwas Unbequemes einzulassen“. Wie gut, wenn einem dann mal nichts anderes übrigbleibt, weil man an der Autorin vorbei müsste, um zum Ausgang zu gelangen. Und die hatte doch vordem Blut so gänsehautmäßig ausgesprochen ...
Antonia Michaelis liest immer noch
Mit vollem Bauch und innerlich gestählt für die zweite Runde, geht es heiter weiter, bis die zwei Stunden Lesung voll sind. Ein Rekord, jedenfalls auf meiner Liste. Und dann die berühmte Frage „Gibt es Fragen?“. Jede Menge, aber sie wollen nicht recht aus einem heraus, jedenfalls nicht aus mir, und auch um mich herum wirken die meisten selig, verliebt, aber auch proppevoll mit Eindrücken. Da lässt man sich dann lieber das eigene Exemplar mit bunten Stiften bemalen und freut sich als Autorin auf die Rückfahrt durch die Nacht, wenn zwar der reinste Stimmentrubel im Kopf herrscht, aber keine davon einer eigenen Figur gehört. Es ist fast wie white noise.